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Editorial — Identität

Text: Joachim Zischke

Liebe Leser,

die uralte Frage Wer bin ich?, die sich mit dem Selbstverständnis des menschlichen Seins beschäftigt, scheint unbeantwortbar. Wenn wir den Überlieferungen glauben dürfen, zeigten die Inschriften am Eingang des Apollontempels von Delphi die Worte »Erkenne dich selbst«, jene Handlungsanweisung, die Sokrates zu seiner aporischen Einsicht »Ich weiß, dass ich nichts weiß« führte. Auch Kants berühmte Fragen Was kann ich wissen?, Was soll ich tun? und Was darf ich hoffen? fordern uns auf, den Weg der Selbsterkenntnis zu gehen, um — ja, um was zu erreichen oder zu werden?

Der Benediktiner und Zen-Meister Willigis Jäger schreibt zu diesem Gedanken:

»Nur wenn es uns gelingt, unsere eigene Tiefe, unser wahres Wesen, unseren göttlichen Kern immer umfassender zu erfahren, werden wir uns als Menschheit verändern. [...] Unsere Tragik liegt darin, dass wir diesen unseren Adel viel zu wenig erkennen. Es ist uns zu viel von Sünde und Schuld gesprochen worden und zu wenig von unserem wahren Wesen. Genau das aber ist die Erfahrung der Weisen des Ostens und des Westens: Wir sind mehr als wir zu denken wagen. Die Moral erwächst uns aus der Erkenntnis unseres Adels, nicht aus den Geboten. Wenn wir uns so verstehen würden, als Form und Ausdruck dieses wahren Lebens, würde sich die Menschheit radikal ändern.« [1]

Wir sind mehr als wir zu denken wagen. Dieser Ausspruch kann uns als Ermunterung dienen, unser Selbst und Sein zu ergründen. Denn nur dann, wenn wir selbst erkennen, wer wir sind, welche inneren Wünsche wir hegen, welche Ziele wir wirklich verfolgen wollen, können wir Anderen mit unserem Leben hilfreich sein.

Seine eigene Identität erkennen und gestalten — das erscheint mir der Unauflösbarkeit der Frage Wer bin ich? entgegen zu wirken. Trotz der Komplexität der Welt in der wir leben, verfügt jeder von uns über eine persönliche Einzigartigkeit. Und in dieser Einzigartigkeit liegt der Schlüssel, der zu werden, der wir werden wollen.

Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre. Wenn Sie mögen, schreiben Sie mir, wie Sie Ihre persönliche Identität sehen und empfinden.

sig
Herausgeber und Chefredakteur

Quellen:
[1] Rundbrief Unterwegs 1/2008

Veröffentlicht am 02. Oktober 2008

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