Thema: Gully

Der Gully, so scheint es, gibt uns jede Menge Stoff zum Spekulieren, Phantasieren und Fürchten. Dabei ist der Gullydeckel das schönste Teil des unterirdischen Labyrinths aus Abwässerkanälen, Flutern und Siphons.

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Wir fahren, gehen und sehen gerne darüber hinweg. Wir wollen nicht wissen, was sich in und unter ihm verbirgt, sammelt, fließt, fleucht und kreucht. Manch einem wurde er schon zum Verhängnis: dem Autofahrer, dessen Schlüssel darin spurlos verschwanden, dem Fahrradfahrer, der mit schmalem Reifen in sein Gitter fuhr und hängen blieb, den Münzen, die aus dem Portmonee geradewegs in ihn hinein rollten. Wir sprechen vom Gully, jene mit einem Deckel versehene Abflussöffnung in Straßen, auf Plätzen und in Gebäuden. Der Gully: die Oberwelt der Unterwelt, der Einstieg in eine labyrinthische Welt, das sichtbare Gelass des unsichtbaren Nass.

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In dem Film Das Versprechen (Margarethe von Trotta, 1995) wird der Gully und sein Deckel zum Motiv für den noch einzigen offenen Weg aus dem Berlin der DDR in den Westen. Besonders einprägsam ist dabei die Szene, in der Sophie und ihre Freunde auf der Westseite Berlins nach gelungener Flucht den Gullydeckel öffnen und ins Freie spähen. Der entsetzte Ausruf: »Oh nein, wir sind immer noch im Osten! Ich schwör’s, hier sieht’s genauso aus wie bei uns«, ist nicht ohne Ironie auf den angeblich goldenen Westen.

Das Schauspiel Frankfurt nutzte in der vergangenen Spielzeit in Peter Handkes Stück Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten, einen Gully, um daraus eine Fontäne aus Zeitungsseiten, Stroh und dürren Blättern sprudeln zu lassen. Das Bühnenbild war, übrigens, komplett mit schwarzen Regenschirmen auf Ständern bestückt.

Der Künstler Joseph Beuys schuf im Oktober 1969 für den Film Ludwig van die dreiteilige Arbeit Beethovens Küche. In der Aktion Brennender Gully, bei der Flammen aus einem Kanaldeckel schlagen, erinnerte Beuys an die lebenserhaltende Feuerstelle. In anderen Aktionen steht in der Symbolik des brennenden Gullys die kathartische Wirkung des Feuers, »die höllischen Reinigungsarten«, im Vordergrund.

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Da die Abwasserkanäle dem Normalbürger meist verborgen sind, bieten Gullys den Schriftstellern ein enormes Spannungspotenzial, um Geheimnisse und undurchsichtige Gestalten zu verstecken oder verschwinden zu lassen.

In Stephen Kings Horror-Roman ES bastelt William Stotter-Bill Denbrough für seinen Bruder George ein kleines Papierboot, das dieser nach der großen Überschwemmung im Regen schwimmen lässt. Es verschwindet im Gully. George sieht dort unten einen Clown mit Ballons, der sich als Bob Gray alias Pennywise vorstellt und das Boot in den Händen hält. Er will es George zurückgeben, doch als George ihm zu nahe kommt, packt der Clown seinen Arm und reisst ihn aus. George ist Sekunden später tot.

Ein Mann windet sich aus einem Gully an einer Londoner Autobahn. Er bleibt nur einen Tag in der Stadt. Wenn er geht, wird das ganze Universum verschwunden sein … Nacheinander übernimmt Thomas Katz Leib und Seele von neun Londonern, unter anderem von einem Taxifahrer und dem Fischerei-Minister und richtet damit allerhand Chaos an. Nur einer kann ihn stoppen: der blinde, spirituelle Chef der Metropolitan Police. So war es in der englischen Film-Komödie The Nine Lives of Thomas Katz aus Jahre 1999, zu sehen.

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Der Gully ist das Tor zur muffigen und stinkenden Welt der Abwässer. Da erscheint uns der Gullydeckel noch als das schönste Teil. An vielen Orten weltweit lassen sich künstlerisch gestaltete Kanaldeckel finden. Oft wurden Muster, Motive und Symbole eingearbeitet, die auf Geschichte und Geschichten hinweisen. Besonders hübsche Exemplare finden sich in Japan.

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Wer möchte, kann sich auch einen gusseisernen Gullydeckel für sein Grundstück kaufen — gut 80 kg schwer und rund 200 Euro teuer. Man beachte: der Deckel sollte gut gesichert sein, denn nicht nur in China, auch hierzulande greift der Gullyklau immer mehr um sich.

Gullydeckel

Deutsch: Gullydeckel
Englisch: Manhole cover
Französisch: Plaque d’égout
Japanisch: マンホールの蓋
Niederländisch: Putdeksel
Norwegisch: Kumlokk
Russisch: Крышка канализационного люка
Schwedisch: Brunnslock
Schweizer Mundart: Dolendeckel, Toletäckel

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