Thema: Flanieren
Text: Joachim Zischke
Viel wurde in den letzten Jahren über das Flanieren und die Flaneure gedacht und geschrieben. Da ist vom Flanieren als der modernen urbanen Bewegungsform die Rede, der urbane Spaziergang, eine Art vergnügliche Fortbewegung durch den Stadtraum als Selbstzweck, zum Erfassen, Erfahren und Erkennen eines Ortes. Flanieren, das sei die Idealform des Schlenderns, die neue Trendsportart, dann allerdings mit der Vokabel strolling globalisiert. Einige sprechen von der Wiederkehr der Flaneure, während Andere über ihren langen Abschied schreiben. Die Tatsache ist: Es gibt keine Flaneure mehr. Und — wir müssen das leider anfügen — keine geeigneten Aufführungsorte mehr.
Der Flaneur ist eine literarische und kulturgeschichtliche Kunstfigur des 19. Jahrhunderts, die in erster Linie mit den großen Städten Paris und Berlin, mit den Dichtern und Schriftstellern Charles Baudelaire und Honoré de Balzac, mit Walter Benjamin, Robert Walser und Franz Hessel verknüpft wird. Hessel, der die Kunst des Flanierens nicht zufällig als »eine Art Lektüre der Straße« bezeichnete, sah im Spazierengehen, im Flanieren eine Kunst, »wobei Menschengesichter, Auslagen, Schaufenster, Café-Terrassen, Bahnen, Autos, Bäume zu lauter gleichberechtigten Buchstaben werden, die zusammen Worte, Sätze und Seiten eines immer neuen Buches ergeben.« Man könnte sagen, dem Flanierenden erzählt die Stadt ihre Geschichten.
Und doch gab es seinerzeit den Flaneur, jenen vornehmen Müßiggänger, der durch die bürgerliche Stadtwelt spazierte. Für ihn war die Straße der Salon unter freiem Himmel, eine Bühne der Selbstdarstellung. Hier inszenierte sich eine elitär gegen den Fortschrittsgeist anbummelnde Bohème. Das Flanieren verkörperte ein Programm der Entschleunigung. Ob die Verlangsamung tatsächlich so weit ging, dass eine Schildkröte am Band die Geschwindigkeit des Gehenden bestimmte, sei in geübter Nachsicht einer verklärten Betrachtung dahingestellt. Flanieren, das ist müßiges Umherschlendern, nicht gänzlich zielloses Gehen, aber doch ein Fortschreiten ohne direktes Ziel, vor allem ohne Eile.
Der bereits erwähnte Franz Hessel musste im Berlin der zwanziger Jahre dann die Erfahrung machen: »Ich bekomme immer misstrauische Blicke ab, wenn ich versuche, zwischen den Geschäftigen zu flanieren. Ich glaube, man hält mich für einen Taschendieb.« Die Zeit gehend und wandelnd in geradezu kontemplativer Art zu verbringen, machte verdächtig. Das würde Hessel im heutigen Berlin nicht passieren. Die rastlosen Passanten würden ihn schlicht über den Haufen rennen.
Der amerikanische Soziologe Richard Sennett behauptet, die Großstadt sei die Kultur des Unterschiedes, ein Ort der Differenz und der Differenzierung. In dieses Bild gehört der Flaneur, dessen Betrachtungen und Beobachtungen das Unterscheidende benennt: das Analytische im Blick lebt er vom Unterschied und dessen Überwindung in der Betrachtung. Von den Masken des Flaneurs, wie Benjamin sie sieht, den Promenierenden, den Bildungsreisenden, den Physiognomikern, den Detektiven, sind allenfalls die Figur des Beschatters, des Verfassungsschützers und des Touristen übrig geblieben.
Auch wenn wir den idealisierten Flaneur des 19. in das 21. Jahrhundert transferieren wollten, es würde nicht funktionieren. Flanieren verlangt nach Bedingungen ästhetischer, urbaner und sozialer Art. Flanieren ist ein künstlerisches Ereignis, das eine Theaterbühne benötigt, eine große Spielfläche, feste und bewegliche Bauten, Kulissen, Requisiten. Es braucht Akteure, welche nicht nur über die passende sichtbare Ausstattung — vielleicht einen Borsalino, Florentiner oder Kalabreser auf dem Kopf —, sondern auch über die unsichtbare innere Einstellung verfügen, sich dieser Kunst des Gehens hinzugeben und sie zu leben. Und dann verlangt Flanieren vor allem nach einem Publikum, das zuschauen, erleben und bewundern will. Welche Städte könnten das Umfeld, die großzügigen Boulevards und Prachtstraßen dafür bieten? Paris, Berlin, Mailand vielleicht?
Der Schriftsteller Wilhelm Genazino bringt es auf den Punkt:
»Der Flaneur ist ja eine Erfindung aus dem Paris des 19.Jahrhunderts und durch den Weltkrieg ist die Pracht unserer Städte ein für allemal dahin. Wir haben ja nur noch Städte, die der Warenwirtschaft dient und eben zu wenig poetische Plätze oder eben Plätze des Verweilens oder auch Plätze, die eben ohne besondere Bedeutung sind, wo sich erst das Poetische ergeben könnte, das ist ja alles gar nicht mehr möglich, weil unsere Städte total ökonomisch zugerüstet sind.«

Veröffentlicht am 07. Mai 2009