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Editorial — Gehen

Text: Joachim Zischke

wo chiemte mer hi
wenn alli seite
wo chiemte mer hi
und niemer giengti
für einisch z’luege
wohi dass me chiem
we me gieng

Liebe Leser,

wenn immer ich an das Gehen denke, kommen mir diese kurzen Zeilen des schweizer Theologen und Schriftstellers Kurt Marti in den Sinn. Im Schwyzerdütsch klingt es für mich noch ein wenig direkter und eingängiger, als in der hochdeutschen Übersetzung »Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und niemand ginge, um mal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge.«
Das Gehen wird hier zum Ausgangspunkt einer sozial-analytischen Betrachtung: Gehen wir nicht, weil wir uns vor dem fürchten, was vor uns liegt? Wollen wir durch das Infragestellen des in die Zunkuft Gehens, Fragen vermeiden, denen wir ohnehin nicht ausweichen können? Wohin wollen wir wirklich gehen?

Das Gehen, an das ich jetzt denke, ist nicht nicht das Laufen auf Fitnessbändern, nicht das Joggen auf Asphalt, nicht das müßige Flanieren, das window shopping und auch nicht die Bewegungsart, die mich von A nach B bringt.

Das Gehen, das ich meine, ist ein philosophischer und metaphysischer Akt. Im Gehen erlebe und erkenne ich mich und die Welt, in der ich mich bewege. Der Rhythmus der Bewegung und des Atmens schafft in meinem Kopf einen Raum, frei zu denken und neue Ideen und Denkansätze zu entfalten. Während ich gehe, erfahre ich einen Fort-Schritt, der mich zur Zwiesprache mit mir selbst führt.
Walk. Don’t run. – Shakespeares Pater Lorenzo empfahl dem liebestrunkenen Romeo Wisely and slow; they stumble that run fast. Eile mit Weile. In der Verlangsamung unserer Bewegung liegt auch die Weisheit einer Lebenskunst.

Ibrahim al-Koni, der Erzähler aus der Sahara, schrieb den nachdenklich stimmenden Satz: Solange du wanderst, bist mit deiner Seele verbunden. Wenn du stehen bleibst, geht sie weiter und entfernt sich von dir. Gehen kann eine Reise in das Weltall in uns sein.

Zu unserem Thema Gehen wünsche ich Ihnen eine spannende und bewegende Gedankenreise.

Herzlichst

sig
Herausgeber und Chefredakteur

PS: In dieser Ausgabe bieten wir (jungen) Führungskräften die Chance, in einem kostenlosen Coaching Führungsfragen in Führungsantworten umzuwandeln. Lesen Sie mehr dazu in Ruth Pinks Beitrag.

Die nächste Ausgabe von DIALOGUS Magazin erscheint am 5. Juni 2008.

Veröffentlicht am 01. Mai 2008

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