Mut
Text: Joachim Zischke

Als der David in der biblischen Geschichte, nur mit einer Hirtentasche, ein paar Steinen und einer selbst gefertigten Schleuder bewaffnet, dem großen, starken, mit schwerer Rüstung und Schwert versehenen Goliat gegenüber stand — schlug ihm da das Herz bis zum Halse, schlotterten ihm die Kniee und versagte ihm die Stimme? Wie viele Steine mag er auf den Riesen geschleudert und ihn verfehlt haben, bis endlich ein einzelner — vielleicht der letzte — Stein, den Krieger tödlich verwundete?
David bewies sicherlich einen enormen Mut in diesen Zweikampf zu gehen. Er wusste, dass vom Ausgang der Situation nicht nur sein eigenes Wohl, sondern auch Gedeih und Verderb seines Volkes Israel abhing. Dennoch, so denke ich, war es mehr als nur Mut, das David erfolgreich machte.
Mut ist nicht einfach eine Tugend oder Charakterstärke, die David befähigte, diese ungewöhnliche Tat zu vollbringen. Sein mutiges Handeln setzte ein vorangegangenes persönliches Entscheiden voraus, etwas zu tun, zu wagen, wo andere vielleicht mutlos wurden und verzagten. Dieser Wagemut wurde gespeist aus seiner Entscheidungs- und Willenskraft.
Zum anderen verhalf David eine innere Zuversicht, aus dem gefährlichen Zweikampf als Sieger hervor zu gehen, zu seinem entschlossenen Handeln. Diese Zuversicht stammte aus zwei möglichen Quellen: seiner Geschicklichkeit und Wendigkeit im Umgang mit Stein und Schleuder und einem tiefen Vertrauen in seinen Gott Jahwe, ihn bei dieser Aktion zu leiten und zu beschützen.
Wenn uns heute Politiker oder Unternehmenslenker zu mehr Mut auffordern, so übersehen sie häufig die Voraussetzungen für praktischen Mut: Wissen, Vertrauen und Handlungsfreiheit. Wenn jemand nicht weiß, wie er handeln könnte — warum sollte er dann handeln? Wenn ein Handelnder nicht darauf vertrauen kann, dass sein Handeln geschätzt und belohnt wird — warum sollte er dann eine Sache in Angriff nehmen wollen? Und wenn die Freiheit fehlt, handeln zu dürfen, weil Regularien und Traditionen es verhindern — warum sollte sich jemand entscheiden, mutig zu sein?
So lange wir nicht erkennen, dass Mut zu fordern zu allererst bedeutet, Mut zu haben, alte Zöpfe abzuschneiden, über den eigenen Schatten zu springen und dadurch die Voraussetzungen für Mut zu schaffen, so lange wird der Ruf nach Mut eher eine Zumutung bleiben.
Für 2009 wünsche ich Ihnen und uns Mut zum Handeln.
Joachim Zischke
Herausgeber und Chefredakteur

Veröffentlicht am 01. Januar 2009